Pressing im Fußball ist aus dem modernen Spiel nicht mehr wegzudenken. Ob in der österreichischen Bundesliga, in der deutschen Bundesliga oder in der Champions League - das aktive Spiel gegen den Ball ist zur wichtigsten taktischen Waffe geworden. Doch was genau steckt hinter den verschiedenen Pressing-Varianten, und wie kannst du Pressing in deiner Mannschaft trainieren? In diesem umfassenden Guide erfährst du alles, was du über Pressing wissen musst.
Auf einen Blick
- Pressing = koordiniertes Anlaufen des ballführenden Gegners zur Balleroberung
- 3 Varianten: Angriffspressing, Mittelfeldpressing, Abwehrpressing
- Gegenpressing: Sofortiges Anlaufen nach eigenem Ballverlust
- Voraussetzungen: Fitness, Kommunikation, klare Pressing-Auslöser
- Training: Rondos, Spielformen mit Überzahl/Unterzahl, Pressing-Auslöser-Übungen
Was ist Pressing im Fußball?
Pressing bezeichnet im Fußball das koordinierte, aktive Anlaufen des ballführenden Gegners und seiner Anspielstationen. Das Ziel ist klar: Du willst den Gegner unter Druck setzen, ihn zu Fehlpässen oder Ballverlusten zwingen und den Ball so schnell wie möglich zurückerobern. Pressing ist damit das Herzstück des Spiels gegen den Ball und bildet die Grundlage nahezu aller modernen Spielsysteme.
Historisch gesehen hat Pressing im Fußball eine lange Entwicklung hinter sich. Bereits in den 1970er-Jahren setzte Rinus Michels mit Ajax Amsterdam und der niederländischen Nationalmannschaft auf aggressives Pressing als Teil des "Totalen Fußballs". Arrigo Sacchi perfektionierte in den 1980er-Jahren mit dem AC Milan das Zonenspiel und das kollektive Pressing. Den modernen Durchbruch erlebte das Pressing jedoch durch Trainer wie Jürgen Klopp und Pep Guardiola, die verschiedene Pressing-Varianten weiterentwickelten und salonfähig machten.
In Österreich hat vor allem Red Bull Salzburg das Pressing populär gemacht. Unter Trainern wie Roger Schmidt, Marco Rose und Jesse Marsch wurde ein aggressives Angriffspressing zum Markenzeichen - ein Stil, der den österreichischen Vereinsfußball nachhaltig geprägt hat.
Warum ist Pressing so wichtig?
Pressing ist aus mehreren Gründen ein entscheidender Faktor im modernen Fußball:
- Balleroberung in guten Zonen: Durch hohes Pressing gewinnst du den Ball in der gegnerischen Hälfte - der Weg zum Tor ist dann kurz.
- Gegner unter Druck setzen: Permanenter Druck führt zu Fehlern, die du ausnutzen kannst.
- Spielkontrolle ohne Ball: Auch ohne Ballbesitz kannst du das Spiel lenken und den Gegner dorthin drängen, wo du ihn haben willst.
- Mentale Stärke: Aggressives Pressing signalisiert dem Gegner Dominanz und kann ihn verunsichern.
Die drei Pressing-Varianten im Überblick
Grundsätzlich unterscheidet man beim Pressing im Fußball drei Varianten, die sich nach der Zone auf dem Spielfeld richten, in der das Pressing beginnt. Jede Variante hat ihre eigenen Stärken, Schwächen und taktischen Anforderungen.
Angriffspressing (hohes Pressing)
Beim Angriffspressing beginnt das Anlaufen bereits in der gegnerischen Hälfte, häufig schon beim Abstoß oder Aufbau des Gegners. Die Stürmer und offensiven Mittelfeldspieler laufen die gegnerische Abwehrreihe und den Torwart aktiv an. Die gesamte Mannschaft steht hoch und verschiebt geschlossen Richtung Ball.
Diese Pressing-Variante ist besonders effektiv gegen Mannschaften, die sich im Spielaufbau schwertun oder technisch unsichere Innenverteidiger haben. Der Vorteil: Bei erfolgreicher Balleroberung bist du sofort in einer gefährlichen Zone. Der Nachteil: Wenn der Gegner das Pressing überspielt, entsteht viel Raum hinter deiner Abwehr.
Mittelfeldpressing
Das Mittelfeldpressing ist die am häufigsten eingesetzte Variante. Hier lässt du den Gegner zunächst aus der eigenen Hälfte herausspielen und setzt das Pressing erst in der Mittelzone ein. Die Mannschaft steht kompakt im Mittelfeld und versucht, den Gegner in bestimmte Zonen zu lenken.
Der große Vorteil: Das Mittelfeldpressing bietet eine gute Balance zwischen Offensive und Defensive. Die Laufwege sind kürzer als beim Angriffspressing, und der Raum hinter der Abwehr ist überschaubarer. Deshalb ist es die bevorzugte Variante vieler Trainer - auch im österreichischen Amateurfußball.
Abwehrpressing (tiefes Pressing)
Beim Abwehrpressing zieht sich die Mannschaft weit in die eigene Hälfte zurück und stellt den Raum vor dem Strafraum zu. Erst wenn der Gegner in die letzte Zone eindringt, wird aktiv angelaufen. Diese Variante wird oft als "tiefes Verteidigen" bezeichnet und von Mannschaften eingesetzt, die konditionell oder spielerisch unterlegen sind.
| Kriterium | Angriffspressing | Mittelfeldpressing | Abwehrpressing |
|---|---|---|---|
| Zone | Gegnerische Hälfte | Mittelzone | Eigene Hälfte |
| Pressing-Beginn | Gegnerischer Aufbau | Mittellinie | Vor eigenem Strafraum |
| Fitness-Anforderung | Sehr hoch | Hoch | Mittel |
| Risiko | Hoch (Raum hinter Abwehr) | Mittel | Gering |
| Chance bei Ballgewinn | Sehr hoch (Tornähe) | Hoch | Gering (weiter Weg) |
| Geeignet für | Spielstarke Teams | Alle Leistungsstufen | Unterlegene Teams |
Gegenpressing: Die Königsdisziplin
Gegenpressing (auch Counterpressing) ist eine Sonderform des Pressings, die in den letzten Jahren enorm an Bedeutung gewonnen hat. Das Prinzip: Direkt nach einem eigenen Ballverlust laufen die Spieler in unmittelbarer Ballnähe sofort den Gegner an, um den Ball innerhalb von wenigen Sekunden zurückzuerobern.
Jürgen Klopp hat das Gegenpressing einmal so beschrieben: "Kein Spielmacher der Welt ist so gut wie ein gutes Gegenpressing." Und tatsächlich zeigen Statistiken, dass Tore nach Ballrückeroberungen in den ersten Sekunden nach einem Ballverlust besonders häufig fallen. Der Grund: Der Gegner hat sich noch nicht sortiert, seine Spieler stehen noch in der Defensivformation und sind auf den plötzlichen Ballgewinn nicht vorbereitet.
Die drei Gegenpressing-Methoden
- Mannorientiertes Gegenpressing: Jeder Spieler in Ballnähe übernimmt den nächsten Gegenspieler und stellt ihn sofort zu. Besonders effektiv in engen Räumen.
- Ballorientiertes Gegenpressing: Alle Spieler in der Nähe verschieben aggressiv zum Ball und versuchen, den Raum um den Ballführenden zu verengen. Die häufigste Variante.
- Passwegorientiertes Gegenpressing: Die Spieler stellen nicht den Ballführenden, sondern seine Anspielstationen zu. Besonders clever, aber schwieriger umzusetzen.
Tipp: Für das Gegenpressing-Training eignen sich Rondos hervorragend. Spiele ein 4-gegen-2 oder 5-gegen-2 und übe mit den zwei Spielern in der Mitte das sofortige Umschalten nach Balleroberung. Variiere die Regel: Nach Ballverlust müssen die vorherigen Ballbesitzer den Ball innerhalb von 5 Sekunden zurückerobern.
Pressing richtig trainieren: Übungen und Methoden
Erfolgreiches Pressing trainieren bedeutet, dass deine Mannschaft die Abläufe verinnerlicht und automatisch richtig reagiert. Es reicht nicht, einfach nur "laufen" zu lassen - Pressing erfordert taktisches Verständnis, Kommunikation und klare Absprachen. Hier sind bewährte Übungsformen für dein Training.
Übung 1: Pressing-Auslöser im 6 gegen 4
Teile ein Feld in drei Zonen auf. In der Aufbauzone spielen 4 Spieler (simulierter Gegner) den Ball. 6 Spieler stehen im Mittelfeldpressing. Vereinbare klare Auslöser: Sobald ein Rückpass gespielt wird oder der Ball auf die Außenbahn geht, startet das gemeinsame Pressing. Ziel: Balleroberung und schnelles Umschalten.
Übung 2: Rondo mit Gegenpressing
Klassisches 5-gegen-2-Rondo mit einer Erweiterung: Nach einem Ballverlust haben die vorherigen Ballbesitzer genau 6 Sekunden Zeit, den Ball zurückzuerobern. Schaffen sie es nicht, müssen sie eine Zusatzaufgabe absolvieren. So trainierst du das sofortige Umschalten und die Mentalität des Gegenpressings.
Übung 3: Spielform mit Pressing-Zonen
Spiele ein 8-gegen-8 auf einem verkleinertes Feld mit markierten Zonen. Die verteidigende Mannschaft erhält Bonuspunkte, wenn sie den Ball in einer bestimmten Zone (z.B. in der gegnerischen Hälfte) erobert. So schaffst du einen Anreiz für aktives, hohes Pressing und belohnst erfolgreiches Spiel gegen den Ball.
Übung 4: Pressingkette trainieren
Stelle die Viererkette und das Mittelfeld zusammen auf und übe das gemeinsame Verschieben. Ein Trainer spielt verschiedene Bälle, und die Spieler müssen als Einheit reagieren: Wann wird angelaufen? Wann sichert man ab? Diese Übung trainiert das taktische Zusammenspiel und die Kommunikation auf dem Platz.
Tipp für Trainer: Beim Pressing trainieren ist es entscheidend, klare Auslöser zu definieren. Sage deinen Spielern nicht nur "Geht drauf!", sondern gib ihnen konkrete Signale: "Wenn der Ball zum Innenverteidiger zurückgespielt wird, startet das Pressing." So weiß jeder, wann es losgeht - und das gemeinsame Timing stimmt. Mehr zum Thema Trainingsgestaltung findest du in unserem Artikel zu Techniktraining im Fußball.
Wann sollte man pressen - und wann nicht?
Pressing ist kein Allheilmittel. Es gibt Spielsituationen, in denen aggressives Pressing die richtige Wahl ist, und Momente, in denen du besser abwartest. Zu wissen, wann man presst und wann nicht, ist ein Zeichen taktischer Reife.
Gute Momente für Pressing
- Rückpass zum Torwart: Der Torwart steht unter Druck und hat weniger Optionen - ein klassischer Pressing-Auslöser.
- Schlechter erster Kontakt: Wenn ein Gegenspieler den Ball nicht sauber annimmt, entsteht ein Moment der Verwundbarkeit.
- Ball auf der Seitenlinie: Am Rand hat der Ballführende weniger Passmöglichkeiten - du kannst ihn leichter zustellen.
- Querspiel in der Abwehr: Bei Querpässen zwischen den Innenverteidigern ist der Passweg vorhersehbar.
- Nach eigenem Ballverlust: Die ersten 5 Sekunden nach einem Ballverlust bieten die beste Chance auf Rückeroberung.
Schlechte Momente für Pressing
- Hohe Ermüdung: Wenn deine Spieler konditionell am Limit sind, entstehen durch gescheitertes Pressing gefährliche Lücken.
- Technisch überlegener Gegner: Gegen Mannschaften, die unter Druck sicher spielen, kann Pressing nach hinten losgehen.
- Ergebnis halten: In der Schlussphase bei knapper Führung kann kontrolliertes Abwehrpressing die bessere Wahl sein.
- Numerische Unterzahl: Mit einem Spieler weniger fehlen dir die Ressourcen für intensives Pressing.
Die richtige Entscheidung hängt immer von der Spielsituation ab. Gute Mannschaften können während eines Spiels zwischen den verschiedenen Pressing-Varianten wechseln. Eine fundierte Spielanalyse hilft dir dabei, die Pressing-Strategie auf den jeweiligen Gegner abzustimmen.
Pressing in der Praxis: Beispiele aus dem Profifußball
Um Pressing wirklich zu verstehen, lohnt sich der Blick auf Mannschaften, die das Spiel gegen den Ball perfektioniert haben. Hier sind einige der prägendsten Beispiele.
Jürgen Klopps Gegenpressing bei Borussia Dortmund
Klopps Dortmund (2010-2015) revolutionierte das Gegenpressing im deutschen Fußball. Die Regel war einfach: Nach jedem Ballverlust sofort anlaufen, Ball innerhalb von 5-7 Sekunden zurückerobern. Spieler wie Robert Lewandowski, Marco Reus und Mario Götze waren dabei nicht nur offensiv stark, sondern auch im Pressing unermüdlich. Klopp setzte diesen Stil später bei Liverpool fort und gewann damit die Champions League 2019.
Pep Guardiolas Angriffspressing bei Manchester City
Guardiola kombiniert Ballbesitzfußball mit aggressivem Angriffspressing. Sein City presst extrem hoch, um den Ball möglichst weit vorne zu gewinnen. Dazu kommt ein intelligentes Positionsspiel, das den Gegner in bestimmte Zonen lenkt. Die Absicherung erfolgt durch eine hohe Abwehrlinie und einen herausrückenden Torwart.
Red Bull Salzburg: Pressing made in Austria
In Österreich ist Red Bull Salzburg das Paradebeispiel für aggressives Pressing. Unter der Red-Bull-Philosophie wird ein extrem intensives Angriffspressing gespielt, das junge, laufstarke Spieler erfordert. Spieler wie Erling Haaland, Sadio Mané und Naby Keita haben in Salzburg gelernt, wie effektives Pressing funktioniert - und es dann auf die größten Bühnen Europas mitgenommen.
Auch in der österreichischen Bundesliga setzen mittlerweile viele Mannschaften auf aktives Pressing. Der Einfluss der Red-Bull-Philosophie hat das taktische Niveau in Österreich spürbar angehoben. Wenn du verstehen willst, wie verschiedene Formationen wie die 3-5-2 mit Pressing kombiniert werden, findest du in unserem Taktik-Bereich weitere Analysen.
Pressing und Defensive: Der Zusammenhang
Pressing und Verteidigungssystem hängen eng zusammen. Wer hoch presst, braucht eine andere Absicherung als eine Mannschaft im Abwehrpressing. Lies auch unseren Artikel zu Raumdeckung vs. Manndeckung, um zu verstehen, wie sich verschiedene Verteidigungsprinzipien mit Pressing kombinieren lassen.
Häufig gestellte Fragen zum Pressing im Fußball
Fazit: Pressing als Grundlage des modernen Fußballs
Pressing im Fußball ist weit mehr als nur "hinterherrennen". Es ist ein hochkomplexes, koordiniertes Zusammenspiel der gesamten Mannschaft, das Training, Kommunikation und taktisches Verständnis erfordert. Ob du auf Angriffspressing, Mittelfeldpressing oder Abwehrpressing setzt, hängt von deiner Mannschaft, dem Gegner und der Spielsituation ab.
Eines ist jedoch sicher: Ohne ein funktionierendes Pressing wirst du im modernen Fußball - egal ob im Amateurbereich oder auf Profi-Niveau - nicht erfolgreich sein. Fange im Training mit einfachen Pressing-Auslösern und Rondos an, steigere die Komplexität Schritt für Schritt und arbeite vor allem an der Kommunikation deiner Spieler. Dann wird das Spiel gegen den Ball zu deiner stärksten Waffe.
Vergiss dabei nicht: Pressing und Ballbesitz sind keine Gegensätze. Die besten Mannschaften der Welt verbinden aggressives Pressing mit kontrolliertem Spielaufbau. Der Ball wird erobert, dann klug eingesetzt - und bei Verlust sofort wieder gejagt. Das ist die Essenz des modernen Fußballs.